Was da passiert ist, macht mich wütend

Als Botschafter auf dem Fahrrad „Pro Organspende“ unterwegs – Bernhard Forsmann aus Bad Laer.

(25.08.2012)  ON-Interview mit Bernhard Forsmann (71) – Von ganzem Herzen und mit Spenderleber im Einsatz

Von Thomas Achenbach und Alina Zimmer (Osnabrücker Nachrichten)

berndfON:
Bernhard Forsmann, das Thema Organspende bewegt momentan die Gemüter. Sie haben eine gespendete Leber in Ihrem Körper und fahren bei der Radtour-pro-Organspende“ mit. Wie geht es Ihnen, wenn Sie die aktuellen Schlagzeilen verfolgen?

Das berührt mich sehr. Was in Göttingen und Regensburg geschehen ist, sind ja unglaublich kriminelle Machenschaften, und für viele Wartepatienten ein weiterer Rückschlag, da zu befürchten ist, dass die Bereitschaft der Organspende zurückgeht.

Sie haben teilgenommen an einer großen Radtour mit 25 Transplantierten, 920 Kilometer von Lüneburg bis Greifswald – organisatorisch ist das sicher gar nicht so leicht zu bewältigen.

Also, die Radtour wird ja veranstaltet von einem Sportverein für Organtransplantierte, Dialyse- und Wartepatienten und das ist organisatorisch alles hervorragend gelöst. Wir fahren grundsätzlich mindestens zwei Kliniken pro Tag an. Die mitfahrenden Dialysepatienten werden jeweils in den Kliniken betreut. Zu den Transplantationszentren, den Krankenhäusern und öffentlichen Plätzen werden die Medien, Politiker und die Öffentlichkeit eingeladen, um sie für unser Thema zu sensibilisieren. Hilfreich ist hierbei die Berichterstattung in den regionalen Medien. Nicht zuletzt wollen sich die Betroffenen indirekt auch den Ärzten, dem Pflegepersonal und den Angehörigen der Organspender bedanken.

920 Kilometer auf dem Fahrrad – inwieweit muss man sich darauf vorbereiten oder trainieren?

Ich bin 2007 transplantiert worden und fahre seit 2009 wieder intensiv Rad. Ich kann mich natürlich nicht aufs Rad setzen und sagen, jetzt fahr ich mal eben1000 Kilometer. Das funktioniert nicht. Man muss schon ein wenig trainieren, ohne Frage. Auf der Tour geht es außerdem sehr diszipliniert zu – wir starten nicht erst um 9 oder 10 Uhr, sondern auch schon mal um 7 Uhr.

Die Gruppe wohnt dann auch immer zusammen?

Ja, die Gruppe wohnt gemeinsam in einem Hotel oder einer Pension. Die Kliniken oder Krankenhäuser die wir auf dem Weg ansteuern, sind zum Teil auch unsere Gastgeber. Wir werden dort morgens zum Frühstücken eingeladen, mittags und abends zum Essen Es gibt natürlich auch Sponsoren, wie beispielsweise die Pharmaindustrie, die Begleitfahrzeuge werden von Privatfirmen und Einzelpersonen gestellt.

Haben Sie trotz des ganzen Radelns und der Anstrengung abends auch Zeit, sich zusammenzusetzen und sich auszutauschen?

Ja schon, der eine oder andere ist natürlich auch k.o. und möchte sich ausruhen. Aber ein Kern ist immer zusammen. Auf der gesamten Tour herrschte eine angenehme Atmosphäre. Es sind unterschiedliche Menschen aus allen Berufsschichten dabei, auch junge Menschen, der jüngste war 39, der älteste 71. Eine Transplantierte kam aus Lüneburg, andere aus Passau, Berlin, dem Ruhrgebiet, Rhein-Main-Gebiet, der Pfalz, Baden-Württemberg...

Sie nehmen ja auch teil, weil Sie ja eine Botschaft aussenden wollen. Wie der Name der Fahrradtour schon sagt: „Pro Organspende“. Glauben Sie, dass die Message auch angekommen ist?

Ja schon, wir fahren gemeinsam in der Gruppe, tragen einheitliche Trikots und werden von der Presse sowie auch vom Fernsehen begleitet. Unser Start von Lüneburg nach Hamburg wurde im NDR – Fernsehen gesendet. Außerdem waren ständig Journalisten der jeweiligen Tageszeitungen vor Ort.

Die Skandale um Göttingen, Regensburg, ein neues Gesetz… – da ist Dampf drauf beim Thema Organspende. Hat sich das auch in der medialen Begleitung der Radtour niedergeschlagen?

Die Radtour hat ja schon im Juni stattgefunden, der Skandal um Göttingen wurde erst 8 Tage später bekannt.

Da fällt man dann aber auch in ein Loch, oder? Erst so eine schöne Radtour mit guter Stimmung – und dann so ein Schock?

Ja, das ist schon beachtlich. Man ist betrübt und auch ein wenig wütend. Man fragt sich: Wie können solche unglaublichen Machenschaften, die ja kriminell sind, ohne sorgfältige Kontrollen passieren?

Auf der anderen Seite dürften Sie ja als jemand, der in dieser Situation gewesen ist, die Verzweiflung kennen, die die auf Organe wartenden Patienten fühlen?

Ja natürlich! Jeden Tag sterben drei Patienten in Deutschland, die eben kein Organ bekommen konnten. Das ist ja das Fatale! Alleine im vorigen Jahr sind ca. 400 Leberwartepatienten – ich bin ja Lebertransplantiert – gestorben, die kein Organ bekommen haben. Das macht natürlich auch nachdenklich.

Sie haben gerade gesagt, sie sind durchaus wütend, bei allem, was jetzt passiert. Was könnte denn helfen?

Ein großes Problem in unserer Gesellschaft ist die unzureichende Aufklärung zu diesem Thema. 80 % der Bevölkerung ist ja bereit, Organe zu spenden, aber nur 17-18 % haben einen Organspendeausweis. Zum Beispiel in Spanien oder Österreich gilt die „Widerspruchslösung“, es muss widersprochen werden, wenn man nicht spenden möchte. Dieses hatten viele Wartepatienten in Deutschland auch erwartet. Im Gegenteil. Sie warten weiter. Und durch die aktuelle Situation werden voraussichtlich noch weniger spenden.

Also ein klares Bekenntnis: Sie hätten sich die Widerspruchslösung gewünscht wie in anderen Ländern - solange ich nicht widerspreche, bin ich automatisch Spender?

Ja, das hätte ich mir gewünscht. Wie viele Wartepatienten.

Gutes Stichwort. Wie war das bei Ihnen? Wie sind Sie ein Wartepatient geworden? Und wie lange mussten Sie warten?

Gar nicht mal so lange. Im August 1974 verletzte ich mich durch einen tiefen Glasschnitt an der rechten hand. Vermutlich war dies durch eine virale Infektion der Ausgangspunkt einer Hepatitis, einer Leberentzündung, was aber nie 100%ig geklärt werden konnte. Und aus dieser Hepatitis „B“, die ja grundsätzlich bei 80 Prozent der Betroffenen ausheilt, bei 20 Prozent aber leider nicht – dazu gehöre ich –, hat sich dann eine Leberzirrhose entwickelt, die chronisch wurde. Nach einer Routinekontrolluntersuchung Anfang 1998 wurde ein Karzinom festgestellt und in der Uni-Klinik Bonn operiert. 2005, ebenfalls nach einer Kontrolluntersuchung ein weiteres Karzinom. Auch dieses wurde wieder in Bonn erfolgreich operiert. Nach Aussage der Klinikärzte, dass eine weitere OP nicht möglich sei, empfahlen sie eine Aufnahme in die Transplantationsliste der
„Eurotransplant“ in Leiden/NL,

Von dort aus wird die Vergabe in Europa gesteuert, richtig?

Genau so ist es. Ich bin dann also – 2005 auf die Liste gekommen. Bei einer weiteren Untersuchung im Januar 2007wurde wieder ein unklarer Herd an der Leber festgestellt und offensichtlich in Leiden als gravierend eingestuft. Am 14. Februar 2007 kam kurz nach Mitternacht der Anruf aus Bonn, dass eine passende Leber verfügbar sei und ich mich unverzüglich auf den Weg zur Klinik machen möchte. Gewartet habe ich somit etwa 14 Monate.

Nicht so lange wie andere.

Nein, aber es ist so oder so eine wahnsinnig belastende Zeit. Bei jedem Anruf schaute ich automatisch auf die Vorwahl 0228, ob es die Klinik in Bonn sein könnte.

Das heißt also, das Organ ist nach Bonn geliefert worden, dann wurde Ihnen Bescheid gesagt, und dann zack hin und operiert werden – von einer Minute auf die andere?

Anders geht es nicht, es war ja in den Vorbesprechungen festgelegt, dass die Klinik innerhalb von 3 Stunden zu erreichen sei, und somit ein Aufenthalt außerhalb von 300Km der Klinik gemeldet werden musste. Doch der unverhoffte Anruf, der ja irgendwann kommen musste, brachte auch endlich eine Entscheidung, und die Wartezeit hatte ein Ende. Um 4 Uhr waren wir in Bonn. Die OP verlief komplikationsfrei, dauerte aber wegen der enormen Verwachsungen infolge der beiden Voroperationen lange. Nach ca. 8-9 Stunden konnte ich dann auf die Intensivstation verlegt werden. Der Verlauf war zunächst zufriedenstellend, jedoch stellte sich nach einigen Tagen ein Transplantatversagen ein. Eine 2. Transplantation wurde vorbereitet, kam jedoch nicht zum Tragen, da durch intensive Therapien die Leber erfolgreich arbeitete. Nach 3wöchigem Aufenthalt auf der Intensivstation, davon 14 Tage im Tiefschlaf, wurde ich auf die Normalstation verlegt. Nach einer 4wöchigen Reha in einer Spezialklinik wurde ich nach Hause entlassen.

Und wie alt waren Sie da?

Da war ich 65 Jahre. Heute bin ich 71 Jahre.

Inwieweit weiß man denn etwas von dem Spender inwieweit will man überhaupt etwas darüber wissen?

Bei Leber, Herz, Lunge usw. weiß man nicht, wer der Spender ist. Ich bekomme darüber auch keine Informationen. Es gibt ein Kontaktbüro, an das man sich wenden kann. Ein oder zwei Mal im Jahr kann anonym ein Brief an die Angehörigen geschrieben werden. Das Transplantationszentrum und der Tag der OP müssen vermerkt sein. Eine Rückmeldung gibt es nicht. Ich werde nie erfahren, wer der Spender ist. Der Wunsch war anfangs da, es zu wissen, glaube aber, dass es gut ist, wie es ist.

Inwiefern?

Nun, der Spender ist ja gestorben – aber nicht für mich. Sondern er hat sich entschieden, Organe zu spenden. Ich habe das große Glück gehabt, eins seiner Organe zu bekommen, die Leber.

Sie sind ja quasi als Botschafter radelnd unterwegs in Sachen Transplantation. Haben Sie andere Ideen, wie man die Menschen zu überzeugten Spendern machen könnte?

Zunächst muss das Vertrauen seitens der Ärzte, nach diesem Skandal, wieder hergestellt werden. Ferner ist eine umfassende Aufklärung der Gesellschaft sehr wichtig. Beginnend in den Schulen, da gerade junge Menschen diesem Thema gegenüber sehr aufgeschlossen sind. Die große Hoffnung, die viele Wartepatienten in die Politiker gesetzt haben, hat sich auch durch das neue Transplantationsgesetz nicht erfüllt. An dem Ganzen ist lediglich das Wort „Entscheidungslösung“ neu, der Inhalt wurde schon mit der Transplantationsgesetzgebung von 1997 festgeschrieben. Und was hat es für die Patienten gebracht in diesen 15 Jahren? Warten, warten…! Ich frage mich, wie viele Patienten müssen noch sterben, weil bei der Politik nicht die Vernunft, sondern Kompromisse auf der Tagesordnung stehen.
Man kann nur hoffen, dass sich dennoch viele Menschen durch Informationsschreiben ihrer Krankenkasse anregen lassen, ihren Willen zur Organspende zu dokumentieren. Ich hoffe und wünsche, dass durch umfassende Aufklärung jeder seine persönliche Entscheidung trifft und sich für die Organspende entscheidet.

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