Carlo und die zweite „Bewusstseinsebene“

Carlo kennen wir schon lange von den Weltspielen und von unserer Tour 2008. Carlo'Leben wird bestimmt durch zwei Dinge: Coca-Cola und Fußball. In welcher Reohenfolge wissen wir nicht genau.
Ausgerechnet an unserem Anreisetag der Radtour-pro-Organspende 2010 fand das Gruppenspiel Spanien-Schweiz der Fußball WM 2010 statt. Carlo saß in eine Schweizer Fahne gehüllt vor dem Fernseher im Gastraum unseres Hotels und „inhalierte“ förmlich die Bilder des Fußballspiels.

Ich versuche mal die Atmosphäre im Gastraum wiederzugeben...

Die Mannschaften stehen bereit zum Lauschen der Nationalhymnen. Es folgt das übliche Shakehands. Gleich sind wir hier soweit. (Die Zahlen geben die Spielminute an)

1. Das Spiel hat begonnen. Howard Webb aus England hat den Ball freigegeben.

1. Die Schweiz mit einem ersten Vorstoß ins Zentrum, den Puyol sicher abfängt. Es folgen die ersten Ballstafetten der Spanier. Das Spiel wird erst mal breitgemacht.

2. Capdevila jetzt mit dem ersten Abschluss. Oder so ähnlich, jedenfalls fliegt der Ball Richtung Benaglio, der sich aber gar nicht erst bemühen muss.

Carlo sitzt angespannt auf dem Stuhl—Einzelplatz. Er will nicht von den Radlern abgelenkt werden. Sein Gesichtsfeld hat eine Weite von genau 0 Grad. Diretissima aufs Fernsehen. Selbst das Bier hat er aus seinem Gesichtsfeld entfernt (war ja auch nicht schwer bei 0 Grad Gesichtsfeld). Seine Konzentration wird nur gestört durch jede Menge Deutsche mit Fahrrädern...

14. Die Spanier also mit ihrem üblichen Spiel, viel Laufarbeit bedeutet das, vor allem für den Ball, geduldig macht man das Spiel breit, wechselt immer wieder die Seiten ... Man wird geduldig sein müssen.

Nach und nach trudeln die Teilnehmer der 4. Radtour-pro-Organspende ein. Doch kaum einer kann in Carlos Bewusstsein dringen—er ist in eine andere Bewusstseinsebene ein– oder gar abgetaucht. Sei Bier steht noch immer unberührt vor ihm.

25. Bisher die beste Chance der Begegnung. Eine Chance jetzt auch für die Schweizer, Freistoß auf der Gegenseite, Torentfernung 22 Meter. Ziegler hält direkt drauf, der Ball geht als Aufsetzer durch die Mauer. Casillas im Nachfassen.

Carlo wird unruhig. Eine halbe Stunde ist gespielt. Seine „Nati“ hat sich noch immer kein Tor eingefangen. Bier weiterhin unberührt. Stimmung gut—aber angespannt.

44. Konter! Spanien, als die Schweizer den Ball im Mittelfeld verlieren, schalten die Iberer blitzschnell um. Starker Pass von Iniesta in den Lauf von Villa. Der dringt in den Strafraum ein, Benaglio geht ihm entgegen, also versucht der Spanier den Schlenzer aus spitzem Winkel, verzieht aber leicht.

Diese Szene macht Carlo ca. 15 Jahre älter. Gott-sei-Dank ist nun Pause—aber: Bier vergessen. „Wenn die Schweiz nicht verliert schmeiß ich eine Runde“ ist er ganz euphorisch dabei und weiß gar nicht wie viele Menschen inzwischen im Gastraum sind.

Torlos bleibt die erste Hälfte zwischen Spanien und der Schweiz. Die Eidgenossen beschränken sich hauptsächlich darauf, das eigene Tor zu verteidigen, wobei sie sich ziemlich geschickt anstellen. Und sie tun gut daran: Denn sobald die Schweizer mitspielen wollen, fahren die Spanier brandgefährliche Konter ... Es ist ein einziges Geduldspiel, das sich nur um die Frage dreht, ob die Spanier irgendwann dieses Abwehrbollwerk überwinden können.

45. Die zweite Hälfte hat begonnen.

Vera, Karin, Jürgen, Bernd, ich und andere sind nun auch angekommen. Zeit für eine Begrüßung ist nun nicht mehr—das Spiel läuft wieder. Carlo‘s Bier schmeckt inzwischen auch nicht mehr.

52. TOR! Spanien - SCHWEIZ 0:1

53. Unglaublich. Die Schweiz legt vor. Abschlag Benaglio, schnelles Passspiel der Schweizer, Derdiyok wird umgemäht, nimmt aber irgendwie die Kugel mit und FERNANDES kann abstauben!

54. Das können wir mal getrost eine faustdicke Überraschung nennen.

Carlo flippt aus. Das Bier auch—zumindest schaukelt es bedenklich auf dem Tisch. Am liebsten würde Carlo die ganze Schweiz zum Bier einladen.... Wir alle freuen uns mit ihm. Solche Erfolgserlebnisse hat die „Nati“ selten.

90. die erste Sensation diese Turniers ist in trockenen Tüchern

Die Spanier ziehen sich relativ zügig und diskret zurück. Bei den Schweizern sieht das anders aus: Mit einer starken Defensivleistung schlägt die Schweiz völlig überraschend den Kontinentalmeister aus Europa, dem letztendlich heute die zündenden Ideen fehlten.

Das Spiel ist zu Ende. Carlo ist gelöst und erlöst. Das Bier ist auch erlöst—vom Warten. Kann es einen besseren Start für die Radtour-pro-Organspende geben?

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