Geben und Nehmen

Stark schwitzend beendet Wolfgang Ludwig das Radtraining auf der Rolle. Lieber führe er an der frischen Luft, der lange Winter lässt dies aber noch nicht zu. In wenigen Wochen startet die 7. Radtour-pro-Organspende.

Die Radtour-pro-Organspende hat er 2007 ins Leben gerufen, 2010 erhält dieses Projekt eine Auszeichnung im Rahmen des Wettbewerbes „Deutschland – Land der Ideen“."Zu 90% ist das ein Verdienst von Wolfgang", so ein Mitstreiter.

Wegen der positiven Resonanz seitens der Presse und der Beteiligten hat die Tour seitdem jedes Jahr stattgefunden. Auch wenn die Organisation immer aufwendiger wird.

Aber es ging ihm nicht immer so gut wie jetzt. 1985, das Studium der Nachrichtentechnik hatte gerade beendet, den ersten Job gefunden, fühlt sich Wolfgang schlapp und müde. „Zunächst habe ich den Stress im Endstadium des Studiums und die aus Zeitgründen eingestellte sportliche Betätigung dafür verantwortlich gemacht.“ Er fängt wieder an Sport zu treiben. Aber es wird nicht besser. Die Kurzatmigkeit bleibt. Der Besuch eines Arztes ist unvermeidlich.

„Sie sind ernsthaft krank“ lautete der Kurzbefund des Arztes. „Ihre Nieren arbeiten so gut wie nicht mehr, sie werden bald dialysepflichtig sein.“ Diese Diagnose verändert von heute auf morgen das Leben. Die Prioritäten im Leben verschieben sich. Statt Überstunden und Weiterkommen im Beruf ist nun jeden zweiten Tag eine Dialysebehandlung angesagt. Da Wolfgang aber berufstätig bleiben möchte, dialysiert er abends, wenn andere Menschen Freizeit haben. Freizeit bleibt ihm nicht viel. Der Zeitbedarf für die Dialyse ist enorm. Ohne die tatkräftige Unterstützung der Familie würde das alles nicht funktionieren. Er wird von den Ärzten über die Möglichkeit der Transplantation informiert.

„Ich habe das als Chance gesehen wieder mehr Lebensqualität und Leistungsfähigkeit zu bekommen“ sagt er über die Entscheidung, sich auf die Warteliste für eine Transplantation setzen zu lassen. „Mir waren auch die Risiken bewusst“. Die durchschnittliche Wartezeit beträgt damals 2 Jahre, ein Zeitraum der zu überschauen war. Aber die Jahre gehen ins Land. Durch eine nicht erkannte Sekundärkrankheit (Hyperparathyreoidismus) sinkt die Lebensqualität weiter, die Mobilität geht verloren, an Sport ist gar nicht zu denken - das tägliche Leben ist schon Leistungssport genug. Erst nach 10 Monaten gibt es eine fundierte Diagnose und damit eine Therapie. Eine Besserung   des Allgemeinzustandes tritt ein.

1991 kommt endlich der ersehnte Anruf. Die Transplantation glückt. Es ist ein voller Erfolg. Nach 4 Wochen wird Wolfgang Ludwig aus der Klinik entlassen. Die Lust auf Bewegung ist sofort da. Spazieren gehen, Radfahren und bald auch Tischtennis. „Es ist, als ob ein Vorhang fällt. Nie hätte ich gedacht, dass es mir noch einmal so gut gehen würde.“

Zum ersten Mal nimmt der Diplom-Ingenieur der Nachrichtentechnik 1994 an den Deutschen Meisterschaften der Transplantierten teil. Die Stimmung unter den Teilnehmern gefällt ihm, es ist heiter obwohl alle ihre Krankengeschichte haben, aber es wird nicht dauernd thematisiert. 1997 nimmt er an den Weltspielen in Australien teil. 1200 Transplantierte aus aller Welt. Er lernt viele Transplantierte aus der ganzen Welt kennen. Kennen gelernt hat er aber auch die Wartezeiten in den anderen Ländern: „Und die sind meistens sehr viel kürzer als unsere Wartezeiten, die Gründe sind sehr unterschiedlich, es hängt aber nicht nur von unterschiedlichen Gesetzgebungen ab, viele Faktoren spielen eine Rolle. Faktoren, die wir aber bei uns verändern könnten, wenn alle Akteure im Gesundheitswesen mitziehen“ ist sich Wolfgang Ludwig sicher.

Familie und Beruf – eigentlich alles ganz normal. Aber nicht selbstverständlich. Denn ohne die Transplantation wäre es so nicht gekommen, da ist er sich sicher.

2008 ist er im Organisationsteam der 5. Europäischen Spiele der Transplantierten und Dialysepatienten – zum ersten Mal wird eine solche Veranstaltung in Deutschland ausgetragen. Viel Arbeit – aber auch viel Befriedigung.

22 Jahre ist die Transplantation nun her, 22 Jahre geschenktes Leben. Für ihn ist die eigene Transplantation eine Erfolgsgeschichte, wie überhaupt die ganze Transplantationsmedizin. Sein Engagement für das Thema Organspende erklärt er einfach: Geben und Nehmen. Ich habe bislang 22 Jahre bekommen, da kann man auch etwas zurückgeben und hoffen, dass die, die im Moment auf ein Organ warten von dieser Arbeit profitieren.   

Neben der Radtour-pro-Organspende ruft er 2009 mit Frau Konwer das Transplant-Kids Camp ins Leben. Eine erlebnispädagogische Freizeit mit altersgerechten Workshops zu den Themen Compliance, Ernährung und Stressbewältigung. Engagierte Mitstreiter, ein durchdachtes Konzept und viel Geduld machen daraus in 4 Jahren ein etabliertes Angebot. „Die Resonanz der Kinder und der Familien ist beeindruckend“, so Wolfgang Ludwig, „das ist Lohn und Ansporn sich weiter zu engagieren.“ Aber auch die Auszeichnung durch zwei Krankenkassen macht ihn stolz: „Das hätten wir so nicht erwartet“.

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