An- und Einsichten um eine Radtour

Wolfgang Ludwig

„Sie rennen, kämpfen, siegen - und sind ungedopte Helden“ konnten ich jüngst im Spiegel lesen und es war von den Teilnehmern der Deutschen Meisterschaften der Transplantierten u. Dialysepatienten die Rede. Keine drei Wochen später schwingen wir uns aufs Fahrrad und machen den Osten der Republik unsicher – schon wieder ungedopt und statt im Flachen zu radeln werden die Teilnehmer von Berg zu Berg getrieben. Sogar Dialysepatienten hat man zur Teilnahme an dieser (Tor-)tour–pro-Organspende gezwungen.Wenn man diese "Helden" morgens beim Start in ihren enganliegendem Renndress (wegen der letzten Zehntel!) sieht, dazu 7/8 Hosen, ebenfalls enganliegend, erinnern sie mehr an "Helden in Strumpfhosen". 4 Vorstandsmitglieder radeln mit um die an jedem Berg meuternden Teilnehmer mit Wasserspritzpistolen in Schach zu halten. Fluchtversuche gibt es auch. Bergab, dass ist dann die Flucht nach vorne, lächerlich - wartet nur auf den nächsten Berg. Oder Teilnehmer ziehen über ihr „Sträflingstrikot“ ein neutrales und wollen unerkannt bleiben, aber auch das hilft nicht.  Jeder Teilnehmer hat die drei Buchstaben „RPO“  sowie ein großes und ein kleines Herz auf der Stirn eingebrannt. Ein Makel bis  ans Lebensende, aber auch das Zeichen der Mitgliedschaft in einem geheimnisumwitterten Bund. Kenner der Szene behaupten, der Klu-Klux-Klan sei eine vergleichsweise transparente und humane Organisation dagegen. Die Wartelisten für eine Mitgliedschaft sind lang, zu lang. Vielen bleibt eine Mitgliedschaft bis an ihr Lebensende verwehrt.
So radeln sie mit der „Kraft der zwei Herzen“ durch dieses unser Land. Gedopt? Von wegen, gleich eine zweite Pumpe hat man ihnen eingebaut. Und noch etwas hat man bei den Doppelherzträgern am T(ransplantations)-Day verändert: Man hat ein Kreislaufoptimierungssystem eingebaut. Noch nie gehört?  Lesen Sie keine Wissenschaftsmagazine? Immer nur BILD? Also, morgens nach dem Frühstück wird ein Dreiwegehahn umgelegt, das Herz-/Kreislaufsystem wird dann auf das wesentliche reduziert: Herz (beide!), Lunge und Beine, das Sprachzentrum ist auf den einen wesentlichen Satz „Quäl Dich, Du Sau“ reduziert, das Schmerzzentrum (und große, andere Teile des Hirns) sind ausgeschaltet. Hirnlos und schmerzfrei treten die Protagonisten dann in die Pedale um das nächste Zwischenziel zu erreichen – ein Sauerstoffzelt. Der Zweck heiligt die Mittel. Tour-de-France Teilnehmer beneiden uns um unsere medizynische Abteilung. Mindestens zweimal täglich fahren wir Krankenhäuser an, dort ist das ganze medizinische Personal auf den Beinen, die Küchenchefs versuchen in immer kleinere Portionen immer mehr Kalorien zu packen, die Sauerstoffzelte werden in der Cafeteria aufgebaut. Und die Chefärzte legen selber mit Hand an, auch wenn wir nur Kassenpatienten sind. Nur so können wir die extremen Strapazen ertragen. 
„Sport ist ein Bedrohung für chronisch Kranke“ hören wir vom Strassenrand. Ok, noch eine Bedrohung mehr in meinem Leben, da kommt es jetzt auch nicht mehr drauf an und weiter wird geradelt. Den Blick auf unsere „Black-Box“ gerichtet, „ETA“ heißt das Zauberwort - „Estimated Time of Arrival“, zu gut Deutsch: wahrscheinliche Ankunftszeit. Stehen wir an einer roten Ampel (übrigens die einzigen Pausen, die wir uns gönnen) schnellt diese Zahl hoch, sofort macht sich Panik im Peleton breit und unser „pathfinder“ tritt bei „Grün“ umso heftiger in die Pedale. Ab km 70 kommt in die Wasserspritzpistolen Zwiebelsaft – schließlich sollen die Teilnehmer heulend ins Ziel kommen. Jedes Lachen auf der Ziellinie wäre unserer Aktion kontraproduktiv. Tränen in den Augen, hängende Zungen, das will das Publikum sehen – im alten Rom hieß dies „panem et circensis“ Brot und (Zirkus-)spiele. Aber die Zeiten haben sich verändert. Es sind keine Wagenrennen, es sind Fahrradrennen, aber mit dem gleichen Effekt – das Volk will unterhalten werden.  Es ist eine Leistungsschau der besonderen Art. Eine Leistungsschau als Fortsetzungsgeschichte – 2010 werden die Helveten mit am Start sein, mit im Gepäck jede Menge gute Schokolade (Endorphine!) und sich einreihen in die Masochisten unter den Transplantierten und dann geht es den Rhein hinunter, bis nach Holland und dort werden wir statt der Krankenhäuser nur noch Coffeshops anlaufen. Die übriggebliebene Schokolade gegen „Stoff“ eintauschen; denn nur bekifft ist das ganze zu ertragen.
Transplantation und Hochleistungssport: ein Gegensatz? Nein, ganz im Gegenteil. Ohne Transplantation kein Hochleistungssport. Und wie es sich für richtige Hochleistungssportler gehört nehmen wir zwei- bis dreimal am Tag Tabletten zu uns und da gilt:  Hauptsache viel, von den Nebenwirkungen beflügelt sind wir dann zu solchen Leistungen fähig.
Aber: Neben uns, den Helden der Fahrradwege, gibt es noch andere Helden. Die Helden, die es uns ermöglicht haben unseren Hochleistungssport zu treiben, unsere Spender. Und keiner der Teilnehmer fühlt sich als Hochleistungssportler, aber als engagierter Freizeitsportler. Und alle sind Stolz wenn ihr Herz mal in den  dreistelligen Pulsbereich kommt und dort eine Weile verbleibt.
Ausruhen können wir uns zu Hause.

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