Schwein gehabt.....

Wolfgang Ludwig (2009)

„Kinder brauchen auch immer etwas Vitamin G - G wie Gosse" habe ich immer gesagt und meinen Kindern den an der Arbeitshose abgewischten Schnuller wieder in den Mund geschoben. Aber da wusste ich noch nichts von diesen kleinen, krabbligen und bösartigen Tierchen namens H/A1N1, kurz Schweinegrippe, die uns derzeit das Leben schwer machen. Die Vogelgrippe vor 3-4 Jahren hat uns ja schon nicht den Rest geben können, jetzt versuchen wir es mal mit etwas Bodenständigerem: der Schweinegrippe, vom Wort her angelegt an die „Schweinepest“ entfaltet diese Grippe nun ihre mediale Wirkung. Unser Land spaltet sich in zwei Gruppen. Die Sorglosen, die nach der rheinländischen Devise „Et hätt noch immer jut jejange" (Hochdeutsch: Was von alleine kommt, geht auch von alleine) verfahren und die Tiefbesorgten, die sich akribisch mit dem Szenario einer millionenfach dahinraffenden Epidemie beschäftigen; dagegen sind die apokalyptischen Phantasien eines Roland Emmerich echte Langweiler. Die einen wischen ihren Frühstücksapfel noch immer an der Hose ab, die anderen greifen nach je-
dem Sichtkontakt mit einem Individuum dieses Planeten zu einem Desinfektionsspray. Mein Arbeitskollege sprüht inzwischen ohne Unterlass mit dem Zeugs durch die Gegend. Und inzwischen ist die Chance, dass ich an Verätzung der Atemwege ster-
be größer, als dass mich diese kleinen Krabbeltierchen erledigen.

Erstere leben also sorglos in den Tag, die anderen versuchen alles an diesen fiesen Tierchen zu ergründen; von deren unerforschtem Sexualleben bis hin zu deren Ursprung aus dem Urknall und wissen mehr als mancher Mikrobiologe. Dabei soll es gerade unter den Mikrobiologen welche geben, die niemanden mehr die Hand geben und auch nur noch gut durchgebratene Zigaretten rauchen.
Die Ansteckungsgefahr. Ein wahres Horrorszenario wird gezeichnet. Von „kaum ansteckend“ bis „Sichtkontakt“ reicht haben wir nun alles gehört. Nur der Hauptinfektionsweg – die Medien – wird kaum erwähnt. Während die Vögel ja noch weit über uns
fliegen, einen gewissen Sicherheitsabstand einhalten und die selektive Gravitation (nur die toten Vögel fallen nach unten) das ihre tut, sind die Schweine – wie wir – Bodentiere. Der Kontakt mit Schweinen ist jedoch völlig ungefährlich, zumal wenn Sie über 72 Grad erhitzt worden sind☺. Es ist von „kurzen Infektionswegen“ die Rede, das hat mir richtig Angst gemacht. Was passiert, wenn dieser „Schweinevirus“, meinen heimischen Computer befällt? Da konnte mir keine „Hotline“, kein Gesundheitsamt und auch die Medien nicht helfen. Ich habe daher zunächst alle Öffnungen mit aseptischem Pflaster zugeklebt. Aber reicht das? Meine eigenen Maßnahmen reichen von Einweghandschuhen über Mundschutz bis zu Überschuhen. Meine Firewall
habe ich um das Plug-in H/A1N1 erweitert. Ich will ja nicht schuld, sein wenn in sekundenschnelle Millionen von Rechnern mit Schweinegrippe verseucht sind und die wiederum ihre Nutzer infizieren. Von der Mutationfähigkeit dieser kleinen Viecher ist
oft die Rede. Besonders bemerkenswert ist die Mutation in die Form P/A1N1, die vornehmlich die Politikerkaste (P wie Politiker) in diesem unserem Lande befällt. Ist jemand dieser Kaste infiziert, äußert sich dies in zweierlei Weise: Zum einen versuchen die P-infizierten ihre abgedroschenen und nichtssagenden Wortphrasen als innovative Visionen darzu-
stellen, zum anderen, und das ist wirklich bemerkenswert, fangen die Befallenen an, die Wahrheit kundzutun, so zum Beispiel unsere Kanzlerin in ihrer Regierungserklärung: "Machen wir dabei Fehler, wird das kaum wieder gutzumachen sein.“ Wie wahr. Hoffentlich bleibt sie möglichst lange infiziert. Ob die Befallenen dies selber realisieren ist noch nicht erforscht. Jedenfalls kam die Impfung gegen die Schweinegrippe für Frau Merkel bei ihrem Hausarzt zu spät.
„Wir sollen jetzt öfter die Händewaschen" tönt es am Mittagstisch und meine Tochter weiter: „Die Lehrerin hat uns beigebracht, wie man richtig niest. Und wir müssen wenn wir geniest haben, die Hände waschen, auch mitten im Unterricht.“ Lernen die Kinder doch noch was in der Schule. Eher beiläufig bemerke ich, dass dieser fiese kleine Virus doch etwas Gutes hat: die Schultoiletten sind jetzt bestimmt sehr sauber. „Nö“ sagt meine Tochter „die sehen wie immer aus". Ich wusste schon immer, dass der Direktor der Schule ein schlaues Kerlchen ist: Hat er doch einfach die Schultoiletten zur H/A1N1 freien Zone erklärt. Hoffentlich wissen das auch die kleinen Tierchen....
Und nachdem Händewaschen benutzen viele inzwischen Milkyway(**), eine desinfizierende Hautcreme mit Panthenol. Die gute Nachricht: 99,99% aller Keime und Bakterien werden abgetötet, die schlechte Nachricht: leider, leider nicht die H/A1N1
Viren. Aber die Rettung naht. Der Impfstoff. So hat das hessische Gesundheitsministerium die Presse zur Anlieferung der ersten Charge des Impfstoffes Pandremix zum Haupteingang des Frankfurter Gesundheitsamtes eingeladen. Das hat etwas von
dem Einzug der Gladiatoren im alten Rom. Miraculix, der Druide, hat den Zaubertrank gemischt und Asterix und Obelix verteilen den an das dürstende sprich impfwillige Volk. Was soll denn da zu sehen sein? Auf Paletten gestapelter Impfstoff?
Das Foto will ich auch. Voll cool. Aber nun stellt Euch mal vor: Der Impfstoff ist da und keiner geht hin. Da können wir nur hoffen, dass das Frankfurter Gesundheitsamt Räume für kühle und trockene Lagerung hat. Denn sonst ist das Zeugs unbrauchbar, bevor das Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist und die nächste, vielleicht die Maulwurfsgrippe, kommt.
Apropos Haltbarkeitsdatum. Und damit möchte ich noch einmal zur Vogelgrippe zurückkommen. Just in diesem und dem nächsten Jahr läuft das Haltbarkeitsdatum des zur Vogelgrippe gebunkerten Medikamentes Kamiflu (**) ab. Das ist bestimmt ein rie-
sengroßer Zufall. Frohlocken können die Ärzte. Gerade haben sie eine Honorarerhöhung bekommen und nun gibt’s noch ein bisschen Weihnachtsgeld obendrauf. Und auch da haben wir wieder zwei Lager: Die, für die die Schweinegrippe Feind und Hor-
ror ist, und die anderen, für die die Schweinegrippe Freund und Helfer sind.
Ich selber setze mich lieber mit einem guten Glas Wein in irgendeine Ecke. Da kommt bestimmt kein Schwein vorbei und die paar Vögel am Himmel lassen mich kalt.

(*) Dieser Artikel ersetzt keine Beratung beim Arzt
ihres Vertrauens.
(**) um Schleichwerbung zu vermeiden, ein Kunstname

 

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